15.05.2020

Corona deckt auf….

Es kommt mir beizeiten so vor, als würde Corona genau das offenbar werden lassen, was allgemein bekannt oder doch zumindest geahnt wurde – niemand aber so recht auszusprechen wagte oder aussprechen wollte. „Corona“, das klingt jetzt sehr personifizierend, aber ich finde das Gedankenspiel spannend, das Virus als Akteur zu sehen, der gesellschaftliche Missstände aufdeckt. Um einmal ganz konkret zu werden: Dass es z. B. mit der Digitalisierung an unseren Schulen nicht weit her war und ist, war schon vor Corona bekannt. Corona legt hier ganz deutlich den Finger in die Wunde; nicht nur die Digitalisierungsmissstände an den Schulen werden hier plötzlich glasklar, sondern auch der schon immer bekannte und gravierend ausfallende Zusammenhang von Herkunftsfamilie und Bildungserfolg kommt hier prägnant zum Vorschein. Das Recht auf Bildung, festgehalten als Menschen- und Kinderrecht, erfährt derzeit massive Einschränkungen.
Ein Beispiel, das zum Lachen oder zum Weinen bringt: Ich werde von der Grundschule meiner Tochter gebeten, einen Fragebogen auszufüllen, in dem die technische Ausstattung im Haushalt abgefragt wird. Unter anderem wird dort erhoben, ob ein Drucker verfügbar sei. Abschließend bittet die Schulleitung darum, den Fragebogen auszudrucken (!) und in der Schule abzugeben. Hier wird mir die Begrenztheit unseres Bildungssystems ganz deutlich vor Augen geführt. Und es zeigt auf, wie Teile der Schüler*in- und Elternschaft aktiv ausgegrenzt und abgehängt werden.
Darüber hinaus mache ich mir derzeit viele Gedanken um das Kinderrecht auf Mitbestimmung. Und auch hier ist es so, dass Corona das Tüchlein von etwas Bekanntem, aber doch oberflächlich Verdecktem herunter zieht: nämlich von der Frage, wie es eigentlich wirklich um Mitbestimmung von jungen Menschen bestellt ist? Wann genau sind Kinder und Jugendliche selbst in der gesamten Debatte um Corona und die Auswirkungen zu Wort gekommen? Die Bundesschülervertretung setzte sich für die Abschlussjahrgänge und die Abiturprüfungen ein; das ist aber auch das einzige bundesweit wirkende Gremium von jungen Menschen, das hier zu Wort gekommen ist. Wohl auch aus dem Grund, dass es keine weiteren Gremien gibt, die aktiv von Politik und Gesellschaft befragt und eingebunden werden, wenn es um die Bedarfe von Kindern und Jugendlichen geht – was aber ganz bestimmt in vielen gesamtgesellschaftlich relevanten Fragen anzuraten wäre. Kinder- und Jugendbeteiligung ist nach wie vor vom good-will der Erwachsenen abhängig. Eine strukturelle Verankerung von Mitbestimmungsmöglichkeiten fehlt. Ich bin gespannt, ob nach Corona die Tüchlein wieder verteilt und Bekanntes wieder zugedeckt wird – oder ob es uns gelingt, diese strukturellen Ungerechtigkeiten aktiv anzugehen und zu verändern.

Kathie - 14:46 | Kommentar hinzufügen